Die Geschichte des AMIGA

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10 Jahre 4 Monate her #574 von j.lukasser
Die Geschichte des AMIGA (1982 - heute)

Vater des Amiga" - dieser Titel gebührt ohne Zweifel Jay Miner. (Oder seinem Hund Mitchie? Aber dazu später...) In den siebziger Jahren arbeitete Jay für Atari, als Hardware-Ingenieur. Zu seinen Aufgaben gehörten z.B. die Chips für Klassiker wie den VCS 2600 oder den Atari 400/800. Einer seiner Mitarbeiter bei Atari war ein Mann namens Larry Kaplan. Dieser verließ 1979 die Firma mit dem Ziel, eine eigene Videospiele-Firma zu gründen. Jay gab ihm ein gutes Arbeitszeugnis, und die Gründung war erfolgreich - die Geburtsstunde von Activision.

Drei Jahre später, 1982, hatte auch Jay Miner den Arbeitgeber gewechselt - jetzt entwickelte er Chips für Zymos. Larry Kaplan hatte inzwischen die Nase voll von Activision, und wollte etwas neues beginnen. Er telefonierte mit Jay, fragte ihn, ob er jemanden kenne, der mit Startkapital und juristischem Beistand eine neue Firma für Computer (bzw. -spiele) auf die Beine helfen könnte. Jay machte Larry mit seinem Chef bei Zymos bekannt, und dieser vermittelte ihn an einige texanische Geldgeber, die schon bei der Gründung von Zymos behilflich gewesen waren. Als Präsident fand sich Dave Morse, Vice President of Marketing bei Tonka Toys. Der eigentliche Plan sah vor, daß Jay Miner die Chips für den neuen Computer entwerfen sollte, die dann von Zymos hergestellt würden.

Dann stieg Larry Kaplan überraschend aus der von ihm selbst gegründeten Firma aus - anscheinend war mit seinen eigenen Firmen selten zufrieden. Für die neue Firma sollte es ein Glücksfall werden: man bot Jay Miner den jetzt vakanten Posten des Vice President of Engineering an. Er willigte ein, machte jedoch zwei Bedingungen: Der Prozessor des neuen Computers sollte ein Motorola MC68000 sein (davon träumte Jay schon seit seiner Zeit bei Atari), und es sollte ein Computer werden, nicht nur eine Spielekonsole. Die Investoren wollten jedoch keinen Computer.

(Später, als R.J. Mical zum Team stieß, erzählte ihm jeder, man arbeite an einer Spielkonsole. Beim Rundgang durch die Büros sah er auf einer Schaltskizze in Jay´s Büro zwei Beschriftungen: "KBD PRT" und "EXT DRV" (Tastatur und externes Laufwerk). Er sah Jay an und fragte: "Spielkonsole, stimmt´s?", und Jay antwortete: "Ja, Spielkonsole". Beide mußten lachen...)

Die neue Firma nannte sich HiToro - was einige Leute, auch potentielle neue Mitarbeiter verwirrte: unter ganz ähnlichem Namen vertrieb eine andere Firma Rasenmäher... So suchte man schon bald nach einen neuem Namen, der einen freundlichen Klang hat - und fand ihn im spanischen Wort für "Freundin" - AMIGA.

Aus Geheimhaltungsgründen - Silicon Valley war damals so etwas wie Technologie- Wildwest - gab man sich den Anstrich eines Zubehörherstellers. Selbst heute glauben noch viele, Amiga hätte allen Ernstes als Joystick- Hersteller begonnen - offensichtlich hat die Tarnung funktioniert...
Du hast Glück wenn Du im Leben auch nur ein Ding findest, das Dich inspiriert, das Akzeptierte zu durchbrechen, das Etablierte zu bekämpfen, auf Messer´s Schneide zu laufen und zu erkennen: Deine Grenzen sind nur da, wo Du selbst sie ziehst.
(Dave Haynie)

Unter Jay Miner war das Arbeitsklima sehr locker - solange man seinen Job machte, konnte jeder sich so geben, wie er wollte. Dale Luck hatte sein erstes Vorstellungsgespräch verpaßt (aufgrund einer Bierparty bei seinem Noch- Arbeitgeber Hewlett-Packard), und wurde trotzdem zu einem zweiten Gespräch eingeladen, was ihn sehr beeindruckte. Dave Needle kam in flauschigen Hausschuhen zur Arbeit, Dave Haynie mit T-Shirt und Sonnenbrille. Carl Sassenrath, der das Betriebssystem schreiben sollte, wurde gesagt: "Machen Sie das so, wie sie das wollen" - also schrieb er ein Multitasking-OS. Die Motivation war unschlagbar, und dieses Besondere hat auf den Amiga abgefärbt und ihn zu einem besonderen Computer gemacht.

Und was hatte es nun mit Mitchie, dem Hund von Jay Miner, auf sich? Nun, der Legende nach zeigte Jay jeden seiner Entwürfe seinem treuen Gefährten, der immer mit im Büro war. Wenn Mitchie mit dem Schwanz wedelte, war der Entwurf gut, sonst wanderte er in den Papierkorb. Tatsache ist jedoch, daß die Unterschriften aller Entwickler in das Gehäuse des ersten Amiga-Modells A1000 gepreßt wurden, und sich dazwischen auch ein Pfotenabdruck von Mitchie findet. Und auf einem Bild einer Computerzeitschrift sah man später einmal Jay Miner, Mitchie ihm zu Füßen. Oben an dem Bild stand "Jay Miner", weiter unten (neben Mitchie) "Vater des Amiga"...

Die Zeiten waren hart, das Geld chronisch knapp, und es wurde bis spät in die Nacht gearbeitet. Dale Luck wurde zum Meister des Nickerchens: Er hatte immer ein Kissen dabei. Da ein Compilerdurchlauf einige Zeit dauerte, tippte er die nötigen Befehle hintereinander weg, gefolgt von einem BEEP. Dann legte er den Kopf neben der Tastatur auf sein Kissen und ließ sich von dem Beep wieder wecken. Das brachte ihm den Spitznamen "Joe Pillow" ein.

1983 war das Grundkonzept fertig, die Ingenieure konnten an die Arbeit gehen. Sie durften, ja sollten kreativ sein; eine lockere Überwachung sorgte dafür, daß sie sich nicht verrannten. Die Hardware- und die Softwaregruppe arbeiteten eng zusammen: Die einen berücksichtigten bei ihren Entwürfen die Bedürfnisse der anderen, und diese bemühten sich wiederum, die Hardwarefähigkeiten voll auszunutzen. Das Ergebnis war "eine kaum beschreibbare einheitliche Vision.".
Wir wollten nicht einfach eine schnelle Mark verdienen, sondern die Welt verändern. Wir versuchten, eine neue, aufregende Technologie zu realisieren, und gleichzeitig diese Technologie dem einfachen Mann zugänglich zu machen.
(R.J. Mical)

Die Software wurde auf einem SAGE-System emuliert, die Funktionalität der Spezialchips mit Unmengen von TTL-Chips auf Industrieplatinen abgebildet. Bis zur letzten Minute vor der Erstvorstellung des Systems wurde gebastelt und experimentiert. Auf der CES 1984 präsentierte man den Prototypen dann potentiellen Geldgebern, darunter auch Sony, Hewlett- Packard, Phillips und Apple. Die Experimentierplatinen waren extrem empfindlich gegen statische Aufladung; im Labor liefen die Entwickler deswegen teilweise barfuss. Auf der Messe ging das natürlich nicht - mehr als ein durchgebrannter Chip mußte in fliegender Hast ausgewechselt werden.

Die gezeigte BOING-Demo schlug ein wie eine Bombe. Ein rot- weißer Ball sprang rotierend auf dem Bildschirm hin und her und erzeugte satte Aufprallsounds in Stereo - eigentlich das aufgenommene Geräusch einer zuschlagenden Garagentür. Das Interesse war groß, doch das Geld wurde immer knapper. Atari gab der hungernden Firma ein Darlehen in Höhe von 500.000 Dollar, Jay Miner und viele andere Mitarbeiter auch nahmen Hypotheken auf ihre Häuser auf.

Dabei sah es gar nicht gut aus: Der Markt für Videospiele war völlig kollabiert, nachdem Commodore mit dem VC20 und dem C64 "richtige" Computer im gleichen Preissegment bieten konne. Jetzt zahlte sich aus, dass Jay von Anfang an einen vollwertigen Computer entworfen hatte.

Herbst 1984: Jack Tramiel, Mitgründer von Commodore, war aus seiner eigenen Firma ausgebootet worden, und sann auf Rache. Er kaufte den strauchelnden Konkurenten Atari, und wollte bequem zurückgelehnt darauf warten, daß das Technologiewunder Amiga in seine Hände fiel - denn der Rückzahlungstermin für das gewährte Darlehen nahte, und die kleine Firma Amiga Inc. hatte immer noch kein marktfähiges Produkt. Doch wenige Tage vor Ende der Frist kaufte Commodore die Firma Amiga Inc. inklusive der kompletten Belegschaft nach zähen Verhandlungen für 27,1 Millionen US- Dollar.

Der Mitarbeiterstab wurde aufgestockt, um möglichst schnell auf den Markt zu kommen. Die langsamen SAGE-Minicomputer wurden durch SUN-Workstations ersetzt. Jack Tramiel trieb seinen Chefdesigner Shiraz Shivji an, einen Konkurenzrechner zu entwickeln (den Atari 512 / 1024), während es zwischen Atari und Amiga Klage und Gegenklage wegen Patentsverletzungen gab: Die Spezialchips des Amiga wären von Jay Miner noch während seiner Zeit bei Atari entworfen worden, Tramiel hätte führende Entwickler und Ingenieure abgeworben - der Atari-Amiga-Streit war geboren, und wurde von den Usern mit Vehemenz ausgefochten.
Be-ses-sen-heit 1. Wahn oder dominierenter Einfluß durch ein fortgesetztes Gefühl, eine Idee o.ä., dem die Person nicht entkommen kann. Viele Leute in der Entwicklung waren wirklich besessen, wenn es um den Amiga ging. Oft mit nachteiligen Auswirkungen auf ihre Gesundheit, Sicherheit und/oder Privatleben. Anders hätte es nicht vollbracht werden können.
(Dave Haynie)

CAOS (Commodore-Amiga Operating System) war noch immer nicht fertig, und so wurde die britische Firma MetaComCo an der Entwicklung beteiligt. Dr. Tim King flog nach Kalifornien, und nahm die Sache in die Hand. Carl Sassenrath hatte Exec (den Multitasking-Kernel), Blitter und Copper (Grafik) und Intuition (Interface) bereits fertig, doch es fehlten noch die Datenverwaltung, Textein- und Ausgabe, Druckersteuerung und andere Dinge. King übernahm diese Teile aus dem Betriebssystem Tripos. Er bestand auch auf einer CLI (Command Line Interface), obwohl die Workbench (die grafische Benutzeroberfläche) bereits fertig war. So war der Amiga das erste System, das serienmäßig zwei Benutzerschnittstellen mitbrachte. Dummerweise war Tripos in der Sprache BCPL geschrieben, während der Rest des AmigaOS in C und Assembler geschrieben war - was manchen Programmierer noch Jahre später verwirrte, wenn er Pointer erst durch 4 teilen mußte, bevor er eine DOS-Routine aufrief...

Inzwischen waren aus den TTL-Platinen auch richtige Chips geworden. Wiederum aus Geheimhaltungsgründen hatte man ihnen Codenamen gegeben - Agnus, Denise und Paula. Was war unverfänglicher, als am Telefon über seine "Freundinnen" zu sprechen...? Um die Bildschirmausgabe zu testen, fuhr man zu einem Elektrohändler und fragte ihn nach den ältesten und übelsten Fernsehern am Lager. Es hat einige Zeit gedauert, bis der arme Mann wußte, warum man partout nicht das beste Modell haben wollte... So kam man auch auf die originalen Workbench-Farben weiß und blau - sie boten auf den altersschwachen NTSC-Fernsehern den besten Kontrast.

Zwischen Jay Miner und den Mächtigen bei Commodore gab es schon in dieser Zeit immer wieder Meinungsverschiedenheiten. Jay sah den Amiga als professionelle Workstation, als direkte Konkurenz zu IBM und Apple. Commodore dagegen konnte sich auch Jahre später immer noch nicht von der Spielkonsolen-Mentalität trennen. Commodore wollte möglichst kleine, konpakte, preiswerte Systeme - Jay wollte viel Speicher und Gehäuse mit Platz für Erweiterungen. Die entstehenden Kompromisse konnten Miner nicht zufriedenstellen.

Doch schließlich wurde am 23. Juli 1985 der Amiga (später A1000) im Lincoln Center, New York, vorgestellt: ein Computer mit 16/4096 Farben, 4-Kanal- Stereo und einem echten Multitasking-OS...


Auf dem Weg zur Weltpremiere wurden für die Geräte sogar eigene Sitze im Flugzeug belegt, so besorgt war man, daß eines kaputt gehen könnte. Zu diesem Zeitpunkt gab es exakt fünf Genlocks (Geräte zur Einblendung und Überlagerung von Computergrafik und Videobild, eine Spezialität der Amiga- Hardware). Am Vormittag vor der Premiere streikten dann zwei Genlocks und mußten mit Lötkolben und Meßgerät wieder fit gemacht werden...

Als eines der Highlights der Show verfremdete dann Andy Warhol Videobilder vom Auftritt der Sängerin Debbie Harry (Blondie), begleitet von Amiga-Musik, in Echtzeit. Der IBM-XT-Emulator "Transformer" wurde vorgeführt, die Boing-Demo sowie viele andere Multimedia-Demos, die die Grafik- und Sound-Fähigkeiten des neuen Systems präsentierten. Die Show ließ die "Zeitgenossen" Apple und IBM-XT ziemlich alt aussehen.

Der Amiga bot Multitasking und Multimedia zu einer Zeit, als niemand mit diesen Begriffen etwas anzufangen wußte. Eine Palette von 4096 Farben zu einer Zeit, als die Konkurenz gerade mal 16 Farben darstellen konnte. 4-Kanal-Stereo zu einer Zeit, als die Konkurenz nur Pieptöne von sich gab. Präemptives Multitasking, etwas, das Windows erst zehn Jahre später und der Macintosh erst im MacOS X beherrschen sollte.

Im Februar 1986 waren dann die notwendigen Anpassungen an den europäischen PAL- Videostandard abgeschlossen, und der Amiga wurde in der alten Oper in Frankfurt am Main der staunenden Öffentlichkeit präsentiert - unter anderem von Frank Elstner.

Doch schon so früh in der Geschichte des Amiga gab es Probleme. Professionelle Produkte waren rar; teils aufgrund mangelhafter Unterstützung für die Entwickler, teils aufgrund endloser Verzögerungen in Commodores "Qualitätskontrolle" - mehr als ein Vermarktungsvertrag lief aus, ohne daß das Produkt jemals veröffentlicht wurde. Das Hin und Her führte u.a. zu 900.000 Dollar Schadensersatz, die der Firma A-Squared zugesprochen wurden: "LIVE!" war der allererste Videodigitizer. Leider wurde die Entwicklung so lange verzögert, das der Amiga A1000, für den das Gerät konzipiert war, inzwischen nicht mehr produziert wurde...

In den höheren Etagen von Commodore saß nicht einer, der etwas von Technologie verstanden hätte. Dort sah man den Amiga als Spielzeug für Heimanwender, und verpaßte die Chance, den Amiga als Konkurenz zum IBM-XT zu plazieren - eine Funktion, die er mit seinem Multitasking-Betriebssystem und der grafischen Benutzeroberfläche leicht hätte erfüllen können. (In den Büros rund um die Welt lief fast ausnahmslos MS-DOS!) Frustriert verließen mehr und mehr der ursprünglichen Entwicklercrew die Firma, darunter R.J. Mical und Carl Sassenrath. Jay Miner verließ ebenfalls die Firma, auch aus gesundheitlichen Gründen - er mußte sich später einer Nierentransplantation unterziehen, und starb 1994 an Nierenversagen.

Inzwischen war das Betriebssystem bei Version 1.2 angekommen - frühe Versionen des OS waren mit unterschiedlichen Compilern erstellt worden, was zu teilweise üblen Fehlern in den Systemroutinen geführt hatte.

1987 präsentierte Commodore endlich die Amigas der zweiten Generation: der A2000, im großen Gehäuse und mit Ports für Erweiterungskarten, sowie der A500 als "Tastatur mit Computer". Letzterer sollte zum meistverkauftesten Amiga- Modell werden, und wird von vielen noch heute als "der Amiga" angesehen - und hat zum unglückseligen Spielkonsolen-Image des Amigas stark beigetragen.
Auf den Amiga angesprochen fällt den meisten Leuten heute nicht mehr ein als "die Spielekiste aus den 80ern". Dabei hat der Amiga in den 80ern in Multitasking, Multimedia, Benutzerfreundlichkeit, Transparenz, Plug & Play und modularer Architektur Maßstäbe gesetzt, denen die Konkurenz seit damals hinterherhinkt. Leider haben viele Anwender nie mehr mit ihrem Amiga getan, als die nächste Spielediskette einzulegen - zu einer Zeit, als der IBM-PC zum Spielen noch nicht taugte - so glaubt die Welt heute, Microsoft hätte all diese Dinge erfunden...
(Martin Baute)

Commodore kämpfte immer mehr mit Finanzproblemen. Man sparte an der Entwicklung und am Marketing, verpaßte eine Gelegenheit nach der anderen, den Amiga ins Bewußtsein der Öffentlichkeit zu bringen. Wer weiß heute noch, daß Amiga- Computer bei Filmen wie Max Headroom, Babylon 5, RoboCop, Miami Vice oder Jurassic Park für die Trickszenen eingesetzt wurden? Für die Steuerung der Anzeige in vielen Sportstadien? In unzähligen Fernsehstudios für die Wetterkarte, Nachrichteneinblendungen und als Teleprompter? Der Amiga war flexibel, leistungsfähig, zuverlässig und preiswert, doch nirgendwo sah man Logo oder Schriftzug...

Zudem schmolz der immer noch vorhandene technische Vorsprung stetig dahin. Dann wurde die Entwicklerabteilung im Silicon Valley geschlossen - die meisten Entwickler weigerten sich, nach Pensylvania umzuziehen, weil sie am Puls der Technologie bleiben wollten. Sie bekamen als "Berater" befristete Aufträge von Commodore, die Weiterentwicklung verzögerte sich um acht bis zwölf Monate, der Schwung ging verloren.

Es folgten einige Modelle ohne Sinn und Verstand - die verschiedenen Abarten des A2500, die nichts anderes waren als ein A2000 im Bundle mit verschiedenen Erweiterungskarten. In Amerika verkaufte sich der A2500 sich schlecht, in Europa gar nicht. Das Weihnachtsspecial - A500 inklusive Videorecorder - wurde ohne Verbindungskabel zum Videorecorder ausgeliefert... Commodore machte Verluste.

Es rollten Köpfe ab Fließband - man witzelte, das Chefbüro von Commodore Amerika hätte eine Drehtür. Unter Harry Copperman ging es dann endlich etwas besser voran: Beschleunigerkarten auf Basis des MC68030 (der A2000 und mit Einschränkungen auch der A500 boten spezielle Erweiterungsports, über die schnellere Prozessoren und Speicher nachgerüstet werden konnten), eine Grafikkarte von Lowell, ein Professional Video Adapter, verbesserte Festplattencontroler, ARCNET-Karten, und die verbesserten ECS-Chips.
Commodore hat eines der bestgehütetsten Geheimnisse der PC-Industrie im Angebot.
(Harry Copperman)

1990 kam dann endlich ein neues Modell auf den Markt, der A3000. Während Betriebssystem und CPU intern schon immer in 32 Bit-Technolgie ausgelegt war, zog jetzt die übrige Hardware nach. Der Zorro-III-Bus war gegenüber seinem Vorgänger Zorro-II um ein Vielfaches schneller, dabei asynchron und voll DMA- tauglich. Als Festplattenschnittstelle war serienmäßig (!) ein SCSI-Adapter eingebaut, statt des geplanten OS 1.4 steckte das komplett überarbeitete OS 2.0 "unter der Haube".

Doch Commodore weigerte sich weiterhin, die Amiga-Hardware für Dritthersteller freizugeben - wie es IBM mit dem PC so erfolgreich getan hatte. Interessenten gab es durchaus: Sun Microsystems wollte den A3000UX als preiswerte Alternative zu den eigenen Sparc-Stations, doch Commodore winkte ab. MicroMomentum und Gigatron hatten Pläne für Amiga-Laptops, doch Commodore war nicht interessiert.

Sechs Wochen später war das Commodore Dynamic Total Vision (CDTV) quasi die erste Set-Top-Box - ein Amiga mit CD-Laufwerk, auf dem spezielle Video-CDs, aber auch Spiele und Büroanwendungen laufen konnten. Die Software "AmigaVision" war ein Meilenstein, realisierte das, was Apple unter dem Schlagwort "Multimedia" propagierte, aber nicht liefern konnte: Sound von CD, Video von Laserdisk, Computergrafik, Live-Video, Interaktion... Wieder war Amiga als erstes mit einer neuen Technik auf den Markt gekommen, und wieder wußten viele Käufer damit nichts anzufangen. Einen Computer für´s Wohnzimmer? Das im CDTV das inzwischen veraltete OS 1.3 steckte, machte das System auch nicht gerade zum Renner.

Schließlich mußte Commodore die Niederlage im PC-Sektor anerkennen: In Europa hatte man bisher noch Modelle wie den Commodore PC-10 und PC-20 verkauft, mit mittelmäßigen Erfolg. Der Versuch, diese Modelle in den IBM- dominierten US-Markt zu drücken, war ein Desaster.

Jetzt war Sparen angesagt, doch wieder wurden die falschen Entscheidungen getroffen. Lagerbestände von Amiga A500 wurden zu Schleuderpreisen verkauft, um Platz für den Nachfolger A500+ zu machen - was den Endanwender freuen mochte, aber Commodore weitere Verluste brachte. Bill Sydnes wurde neuer Leiter der Hardware-Entwicklung, und eben diese Entwicklung blieb schlagartig stehen.

Prototypen der dritten Chipgeneration (AGA) waren bereits fertig. In Entwicklungsgeräte wurden sie zusammen mit einem AT&T DSP 3210 Soundprozessor eingebaut, sollten als A3000+ auf den Markt. Doch Sydnes würgte die Entwicklung ab - "zu teuer für einen Heimcomputer" - und forcierte statt dessen das neue Billigmodell A600. Unterstützt wurde er dabei von Helmut Jost (Geschäftsführer Commodore Deutschland), der vollmundig behauptete, 300.000 Stück A600 pro Quartal verkaufen zu können - so viel hatte Commodore zu den besten Zeiten mit dem Renner A500 weltweit verkauft!

Was dieses Modell bringen sollte, wußten selbst die Marketing-Leute nicht zu sagen. Es war teurer als der A500+, leistete jedoch weniger. Er bot so gut wie keine Erweiterungsmöglichkeiten, außer über den PC- Card-Slot (PCMCIA), für den es aber kaum Hardware gab, und wenn doch, war sie teurer als das ganze Gerät.

Technologische Weiterentwicklungen auf der Amiga-Schiene kochten auf Sparflamme, während man nebenbei noch den "C65" entwickelte, den designierten Nachfolger des ehemaligen Verkaufsschlagers C64. So hätte man dem Amiga im eigenen Haus Konkurenz gemacht, wenn der C65 nicht ebenso ein Flop geworden wäre wie der A600.

1992 kam endlich grünes Licht - aus AGA-Chips, Zorro-III und dem neuen OS 3.0 entstand der A4000. Die neuen Grafikchips boten eine bis dato unbekannte Farbenvielfalt. Das neue Betriebssystem ist nochmals schneller, flüssiger, leistungsfähiger und stabiler geworden. Für das untere Marktsegment wird der A1200 entwickelt, und diesmal kann sich das Ergebnis wirklich sehen lassen. Doch die Nachfrage im Weihnachtsgeschäft übersteigt das Angebot bei weitem, und die alten Modelle will schlagartig niemand mehr haben. Das Fiasko rückt näher, die endlosen Verzögerungen haben die Konkurenz aufholen lassen...

Ein Jahr später ist Amiga wieder als erstes dabei - das CD32 ist die erste 32 Bit-Spielkonsole, basierend auf (und erweiterbar zu!) dem A1200 plus einem CD- Laufwerk. Doch schon reicht das Geld nicht mehr für eine Großserie, und von den produzierten 100.000 Stück werden die Hälfte allein in Großbritannien verkauft.

1994 - alles zu spät: Die nächste Chipgeneration, die AAA- Chips mit 24 Bit Grafik und 16 Bit Sound, sind bis auf Kleinigkeiten schon fertig, doch Commodore kann die Lieferanten nicht mehr bezahlen. Es wird noch der A4000T ausgeliefert, der erste Amiga im Tower. Ein MPEG-Modul zum CD32 und das OS 3.1 erscheinen, doch gleichzeitig werden bereits massiv Mitarbeiter entlassen, und April 1994 muß eine Filiale nach der anderen den Bankrott erklären.
Es scheint ein weiterer Fall von Niederlage, den Klauen des Sieges entrissen.
(Dave Haynie)

Immer noch gut ein Jahr vor Windows 95, doch mit Commodore war auch der Amiga am Ende.

Anfang 1995 kaufte die deutsche EsCom AG alles geistige Eigentum, Warenzeichen und Patente von Commodore aus der Liquidationsmasse, und damit auch Amiga. Eine Tochterfirma Amiga Technologies wurde gebildet, und zahlreiche ehemalige Mitarbeiter von Commodore-Amiga eingestellt - darunter auch Petro Tyschtschenko, ehemals Geschäftsführer von Commodore Deutschland, der den Deal zwischen Konkursverwalter und EsCom eingefädelt hatte, als Geschäftsführer.

EsCom nahm den Amiga A1200 wieder in Produktion, kurz darauf auch den A4000T (allerdings wieder von SCSI auf IDE abgespeckt). Der A1200 inklusive Monitor und Software kostete nur knapp über 1000,- DM, und fand unter der immer noch treuen Fangemeinde und in der TV-Industrie guten Absatz. Zusammen mit der Firma phase 5 digital products, die sich mit leistungsstarken Beschleuniger- und Grafikkarten einen Namen gemacht hatte, wollte man eine neuen Rechnergeneration entwickeln, die den Schritt vom MC680x0 zum PowerPC machen sollte - so wie der Apple MacIntosh zuvor. Dafür hätten allerdings große Teile des Betriebssystems umgeschrieben werden müssen.

Im ersten Jahr wurden 40.000 Stück der alten Modelle verkauft, ein durchaus sehenswertes Ergebnis für drei Jahre alte Hard- und Software. Doch schon jetzt fehlt EsCom das Geld, um die Entwicklung zügig voranzutreiben. Auf der CeBit 1996 wurde dann der neue Prototyp vorgestellt, der "Walker" - eine herbe Enttäuschung. Eine 40 MHz-Prozessor ohne MMU und FPU, nur halb so viel Grafikspeicher wie der A1200 und ein Erweiterungsport, für den es keine Hardware gab. Die Spezialchips von Jay Miner hatten in den 80ern den Erfolg des Amigas begründet. Jetzt, in den 90ern, wurde die enge Verknüpfung des OS mit eben diesen Spezialchips zum größten Hindernis jeglicher Weiterentwicklung.

Schon Mitte des Jahres kam EsCom ins Schlingern. Amiga Technologies stand zum Verkauf, ein Interessent war schnell gefunden: VIScorp, ein US-amerikanischer Hersteller von Set-Top-Boxen, kündigte vollmundig große Pläne an, konnte mit Carl Sassenrath und Jason Compton zwei prominente "Ehemalige" aufweisen, und unterschrieb einen Kaufvertrag. Währenddessen meldet EsCom den Konkurs an - der Amiga-"Fluch" hat zum zweiten Mal zugeschlagen. Oder ist es der Fluch des Management? Immerhin war EsCom-Chef Helmut Jost zuvor bei Commodore Deutschland...

Dann stellt sich heraus: VIScorp kann den Kaufpreis von 40 Millionen Dollar nicht bezahlen, konnte es wahrscheinlich von Anfang an nicht. Doch völlig überraschend erwarb Gateway 2000 (ja, richtig, der PC-Hersteller!) alle Rechte und Patente von Amiga. Amiga Technologies wurde zu Amiga International, und in den USA wurde zusätzlich Amiga Inc. als Entwicklungsabteilung gegründet. Es wurden neue Pläne geschmiedet, sowohl von Seiten Amiga Inc. als auch von Drittherstellern.

Die Zusammenarbeit zwischen Amiga Technologies / International und phase 5 war zum Erliegen gekommen, so daß phase 5 gegen Ende des Jahres 1997 eine in Eigenregie entwickelte Beschleunigerkarte präsentierte, auf der sowohl ein MC68060 als auch eine PPC-CPU steckten. Der Schritt in die Zukunft schien getan, wenn nicht von der Mutterfirma, so doch wenigstens von einem Drittanbieter. Die PowerUP-Treiber von phase 5 erlaubten es, rechenintensive Aufgaben (wie Bildberechnungen, MP3-Algorithmen etc.) auf den PowerPC auszulagern - das Betriebssystem selbst war ja immer noch auf den MC680x0 angewiesen. Allerdings mußte die Software für diesen "Hybridbetrieb" speziell programmiert werden - alte Software lief weiterhin nur auf dem MC68060...

Unter Gateway war es immerhin erstmals Drittherstellern möglich, Teile der Amiga-Technologie zu lizensieren und in eigenen Produkten zu verwenden. Die deutsche Firma DCE reihte zwei weitere Prototypen in die Reihe derjenigen Amigas ein, die niemals erscheinen sollten: A5000 und A6000. phase 5 digital products hatte Pläne zur Abox (einem PowerPC-basierenden System mit völlig neu entwickelten Spezialchips und UMA-Architektur), dann sprach man von der prebox (mit 4 PowerPC-CPUs). Unter dem Namen "Access" sollte ein Mini-Amiga zum Einbau in und Vernetzung mit einem handelsüblichen PC entwickelt werden, unter dem Namen "Boxer" ein neues Motherboard mit überarbeiteten AGA-Chips. Realisiert wurde keines dieser Konzepte.

Anfang 1998 war dann die Rede von einer neuen Betriebssystem- Version - die Version 3.1 von 1994 war doch arg in die Jahre gekommen. Das darauf folgende hüh und hott sollte über ein Jahr dauern, bis das OS 3.5 Ende 1999 doch noch erschien.

In der Zwischenzeit hatte CEO Jeff Schindler den Bau einer völlig neuen Hardware-Architektur angekündigt, basierend auf einem mysteriösen Superchip. Die Basis zu diesem neuen System sollte die kanadische Firma QSSL mit dem Echtzeit- Betriebssystem QNX liefern. Dann wurde Anfang 1999 Jeff Schindler vom Posten des CEO entfernt und durch Jim Collas ersetzt, vormals Senior Vice President von Gateway. Kurz darauf hieß es, nicht mehr QNX, sondern Linux solle die Basis des neuen OS werden. Irritationen, Mißverständnisse - dann wurde der Arbeitsvertrag von Fleecy Moss nicht verlängert, einem der wenigen Mitarbeiter bei Amiga Inc., der sich um die schwindende Fangemeinde gekümmert und sie mit spärlichen Informationen versorgt hatte. Kurz darauf wurde Bill McEwen entlassen, der im Gegensatz zu Fleecy Moss kein "alter Hase" in der Amiga- Familie war, aber genau wie er die Sympathie der User auf seiner Seite hatte. Dann trat Jim Collas "aus persönlichen Gründen" als CEO zurück. Sein Nachfolger, Thomas Schmidt, stoppte alle Hardware-Pläne und verkündete, Amiga wäre ab sofort eine reine Software- Firma, die sich auf Lösungen für Java spezialisieren würde.

Es folgte die alljährliche Messe in Köln, inzwischen umgetauft in "Home Electronics World 1999" - kein MCC, kein A5000, nur das OS 3.5 und einen Päsentationsstand mit allen Amiga-Modellen und vielen Prototypen gab es dort zu sehen. Es herrschte Grabesstimmung, und es sollte die letzte Messe dieser Art werden.

Doch es kursierten hartnäckige Gerüchte, und pünktlich zum Jahreswechsel wurde daraus Gewißheit: Die Firma Amino Development hatte alle Rechte am Markenzeichen Amiga von Gateway gekauft, dazu Lizenzen für alle alten Amiga-Patente aus der Zeit vor Gateway.

Wer war Amino Development? Zwei Namen: Bill McEwen und Fleecy Moss. Die Firma wurde umbenannt in Amiga Inc., und man präsentierte kurz darauf mit der Firma Tao Group aud Reading, England, einen Technologiepartner. Diese Firma hatte, ursprünglich für den Embedded-Bereich, ein völlig hardwareunabhängiges System entwickelt. Mit dem Ansatz eines "Virtuellen Prozessors" und einem Load-Time- Übersetzer für den virtuellen Maschinencode ähnelt dieser Ansatz der Java Virtual Machine, ist aber weitaus leistungsfähiger und flexibler: Man ist weder auf eine Programmiersprache festgelegt, noch muß ein Bytecode interpretiert oder durch aufwendige JIT-Compiler bearbeitet werden.

Basierend auf dieser Technologie besteht der Plan von Amiga Inc. darin, ein Betriebssystem zu entwickeln, das skalierbar ist (lauffähig auf Mini-Geräten wie einem Palm genauso wie auf großen Servern), unabhängig von der CPU (unterstützt werden x86, PowerPC, SHx, MIPS und eine ganze Reihe weiterer CPU-Familien), und wahlweise unter einem Host-OS (wie WindowsME, 2000 oder CE, Linux, MacOS, PalmOS, EPOC, OS/9...) oder direkt auf entsprechender Hardware läuft.

In jedem Fall verdient die Geschichte des Amiga einen Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde: Als erster Rechner für den Heimgebrauch bot der Amiga präemptives Multitasking und sowohl eine grafische als auch eine Kommandozeilen-Oberfläche. Im Heimsektor war die Farbenanzahl der Amiga- Grafikchips fast zehn Jahre lang unübertroffen. In Deutschland wurde der Amiga erst vor wenigen Jahren als meistverkaufte Computermarke von Apple abgelöst. (Wenn man bedenkt, das sich die Millionen von PCs auf eine Vielzahl von Systemhäusern aufteilen.) Insgesammt viermal wurde Amiga verkauft, zweimal davon nach dem Konkurs der Mutterfirma (und einmal kurz davor). Das ein Betriebssystem nach über fünf Jahren Entwicklungsstopp weiterentwickelt wurde, ist wahrscheinlich ebenso einmalig.

Ende 2000 erschien dann AmigaOS 3.9, und macht das AmigaOS für 68k- Prozessoren (die sogenannten "Classic Amigas") mit fünfzehn Jahren wahrscheinlich zum zweitältesten konsistent weiterentwickelten Betriebssystem für den Massenmarkt - nach Unix. (Denn Windows in seiner jetzigen Form existiert genau wie Linux erst seit den 90ern, und das AppleOS ist zwischenzeitlich mehrfach umgekrempelt worden.) Leider sieht man dem "Classic OS" sein Alter auch an.

So sehen die verbliebenen Anhänger der Amiga-Philosophie hoffend und bangend nach Snoqualmie, Washington, dem neuen Hauptquartier der neuen Amiga Inc...

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